Interview mit Stephen Craig
Ich weiß öfter nicht, was Architektur ist oder alles sein kann; vielleicht ist es auch überhaupt nicht notwendig zu wissen. Ich versuche erst gar nicht „Architektur“ zu machen, ebenso wenig wie ich versuche „Kunst“ zu machen. Will - oder soll - ich eine architektonische Aufgabe übernehmen, dann tue ich das in ihrer ganzen Komplexität, mit allen zu lösenden Problemen. Manchmal ist es einfach schön, eine Aufgabe zu bekommen. Man muss versuchen, innerhalb einer bestimmten Herangehensweise darauf einzugehen, darf aber gleichzeitig nicht vergessen, in einer Weise zu agieren, bei der man den kontextuellen Hintergrund aufgreift, in Bezug stellt und hinterfragt, auch das gesamte Blickfeld ins Visier nimmt und - nach Cedric Price - durchaus den Bauherrn fragt, ob er vielleicht lieber seine Frau verlassen möchte, statt ihr eine neues Haus zu bauen. Wenn man einen Auftrag bekommt, für einen ganz bestimmten Zweck etwas zu entwerfen oder zu bauen, dann liegt - im Gegensatz zu dem Fall, wo man sich seine eigene Aufgabe von vornherein stellt - der Unterschied innerhalb des gesamten Prozesses am begrenzten Blickfeld, das durch die Aufgabe festgelegt ist.
Das Annehmen dieses begrenzten Angebots ist dann die Aufgabe. ln diesem Moment habe ich genauso wenig den Begriff ,,Architektur“ im Kopf, wie ich den Begriff ,,Skulptur“ im Kopf habe. Es interessiert mich nicht, dem Begriff ,,Architektur“ gerecht zu werden. Das Endergebnis wird eine Architektur sein, wenn ich die gegebene und nicht die begriffliche Funktion zu erfüllen versuche. Aber jeder gute Architekt will das auch nur, oder? Oder, wie Otl Aicher fragt: ,,Was aber ist ein kluger Architekt? - einer, der richtige Fragen stellen kann, nicht einer, der es besser weiß“. Es gibt ganz verschiedene Sorten von Architektur und ganz verschiedene Sorten von Skulptur - und ganz verschiedene Möglichkeiten, zu diesen beiden unterschiedlichen Begriffen zu gelangen oder sie zu interpretieren. Diese Ausdrücke können dabei in ganz verschiedene Facetten aufgeteilt werden, aber das, was wirklich zählt, ist die individuelle Vorgehensweise.
Es ist einfach ein gutes Gefühl, etwas zu Ende zu bringen. Man lernt meistens viel mehr dabei, als wenn man das nicht tun würde. Der Prozess aber, der dabei durchzumachen ist, ist für mich das Wesentliche. Nach meiner Erfahrung wird man, wenn alles gut läuft, selbst zu einem Teil des Entwurfsprozesses. Man wird zum Sprit für die ,Entwurfsmaschine“. Wenn der Sprit hineinfließt, dann wird man zu einem Teil des ,,Blood and Guts“-und- Geist-Apparats. Es ist oftmals eine harte Sache, manchmal regelrechte Quälerei, aber es ist auch gleichzeitig schön und macht viel Spaß. Wenn ich mich diesem Prozess nicht aussetzen würde, dann würde mir viel fehlen. Ich will diesen Prozess einfach erfahren, ich will immer wieder sehen, was jedes Mal aufs Neue daraus wird, wie Dinge entstehen, die man sich vorher nie hätte vorstellen können. Das Leben ist viel zu kurz, um das alles wegfallen zu lassen!
Letztlich ist es immer eine konkrete Auseinandersetzung mit der Welt und mit sich selbst. Die Auseinandersetzung mit der Welt, mit Menschen, mit gesellschaftlichen und kosmischen Strukturen trägt mich. Eine Idee ist dabei das Wichtigste. Man bearbeitet diese Idee, das heißt, man prüft sie nach Substanz, nach Lebensinhalt, überprüft sie ständig aufs Neue. Man zweifelt an ihr, greift sie wieder auf. Die Seele fliegt und fließt um sie herum und hält sie dadurch am Leben, macht sie biegsam, geschmeidig, man kämpft und spielt mit ihr. Die der Person eigene Natur und ihr Charakter mischen sich in diesen Prozess hinein. Dieser vermengt sich mit dem Gegenstand der Auseinandersetzung. Daraus entsteht ein gegenseitiges Sich-Bestimmen zwischen dem Menschen und dem Objekt seines Entwerfens. Der Prozess ist das Wichtige, nicht das Objekt oder das Produkt. Mir ist ein abgeschlossenes Ergebnis sehr wohl wichtig, jedoch als Ergebnis des Prozesses.
Ein richtig gutes Bauwerk ist so etwas wie ein „sexy beast“. Man braucht aber nicht unbedingt jeden Tag ein „sexy beast“ um sich herum zu haben.
Ihre Arbeiten spielen mit den verschiedensten Medien (Skulptur, Zeichnung, Film, Video, Fotografie) und verschiedenste „Ralisierungsgraden“ - vom ganz dem „zweckfreien Raum“ verhafteten Objekt bis zum realisierten. Dem Modell kommt dabei eine Schlüsselposition zu. Welche Bedeutung hat das Modell bezüglich seines Inhalts, seiner Funktion, seiner Stellung zwischen Utopie und Realität für Sie?
Ich bin kein großer Fan von Utopien. Wenn man aber etwas davon halten sollte, dann könnte man wahrscheinlich sagen, dass das Modell Utopie und Realität zugleich ist und / oder darstellt! Das wäre dann ein Modell als fließende Utopie in gefrorenem Zustand oder auch ein Modell der Gussform für die heiß fließende Utopie. Das kann natürlich nicht die Utopie selbst sein, sondern nur eine fest gewordene Momentaufnahme. Aber, wie gesagt, ich mag meistens nicht zu sehr an Utopien denken. Utopien sind dekadent oder haben zumindest etwas Dekadentes an sich. Das mag wohl auch in Ordnung sein - aber eigentlich ist die Welt zu bitter real für solch süße Utopien. Genauso wie ich nicht an Utopien denken mag, mag ich auch manchmal keine Modelle mehr sehen! Zudem glaube ich, dass ich gar keine Modelle mache. Ich persönlich sehe die Dinge mehr als fest gewordene plastische Denkprozesse in Materialform, wie Eisbergspitzen. Ich muss einfach immer gleichzeitig denken und machen. Der Denkprozess wird im Machen zu Ende gedacht - ausgearbeitet. Weil ich nicht immer ganz Großes machen kann, entstehen solche Sachen, die man Modelle nennt.
In Ihren Werken trifft man immer wieder auf Verweise auf andere Künstler, Bauten und Filme. Inwieweit kann man diese als kritische Anmerkung von Ihnen verstehen?
Eigentlich bin ich nie kritisch und immer kritisch zugleich- wenn man überhaupt so etwas sagen kann. Ich glaube, es ist ganz normal, dass man sich für andere Leute interessiert, die im gleichen Bereich arbeiten. Ich interessiere mich eben für andere Künstler und Architekten. Ich interessiere mich natürlich für ihre Gedanken, Gefühle, für ihre Haltung und ihre Arbeiten. Manche Sachen finde ich gut, manche schlecht - das kann sich im Laufe der Zeit auch ändern. Manchmal interessiere ich mich nur für meinen eigenen Kram und blende alles andere bewusst aus. Aber was ist der eigene Kram?! Andere Sachen sind immer ein Teil davon. Gedanken, die man hatte oder die man sich in der Vergangenheit gemacht hat, sind natürlich immer irgendwo gelagert und kommen doch wieder zu Tage. Sie fließen einfach irgendwie irgendwo da herum, sie werden gefiltert. Der Filter verändert immer wieder seine Konstante, Kapazität und Durchlässigkeit. Vielleicht ist dieser große Filter einfach unsere Seele. Und ihr Gemütszustand ändert sich immer wieder, was auch gut so ist.
Manche Sachen bleiben dennoch standhaft fest. Meistens haben mich Sachen und Leute aus der Vergangenheit am meisten interessiert, wo eine Art - wie soll man das bloß nennen, ohne irgendwie komisch zu klingen - „innere Verbundenheit“ stattfindet. (Ich hab’s doch gesagt!) Man entdeckt, dass man an einer anderen Version von der gleichen Sache dran ist- heute wie damals (und das hat alles auf gar keinen Fall irgendetwas Retromäßiges an sich). Abhängig davon wie man den Stoff anpackt, werden komplett neue Welten aufgemacht. Wenn die „Slits“ „I heard it through the grape vine“ von Marvin Gaye singen, dann ist das einfach ein großartiges Ereignis für sich. In dem Sinne habe ich immer von „Coverversion“ gesprochen und nicht vom Zitat. Coverversionen können geil sein, Zitate langweilig. Wenn man diese inneren Zugang spürt, dann setzt man sich natürlich auch kritisch mit der ganzen Sache auseinander, so wie man das auch mit sich selbst und seinen eigenen Sachen tut. Der große Vorteil bei den Coverversionen ist, dass alles so schön transparent bleibt, es wird nicht getrickst, versteckt, geschummelt, geklaut. Da liegen die Karten auf dem Tisch und das finde ich ganz große Klasse.
Sie beschreiben Ihre Arbeit als Gesamtkunstwerk. Sind Sie selbst Teil Ihrer eigenen Arbeit (Installationen, Objekte)?
Nein - stop - es tut mir leid, aber ich habe nie meine Arbeit als Gesamtkunstwerk beschrieben - das tun andere! Ich mag diesen Begriff überhaupt nicht. Ich weiß nicht mal, ehrlich gesagt, was es überhaupt bedeutet oder zu bedeuten hat. Diesen Begriff sollte man verbannen. Gesamtkunstwerk-Künstler sollte man nach Sibirien schicken, für eine kurze Zeit zumindest, um sie ein bisschen auszunüchtern. Das ist wirklich viel zu künstlich, nicht halbwegs real, nicht sexy, nur „mental masturbastion“.
Ja, ich bin ein Teil meiner Arbeit, wie gesagt. Ich bin der Sprit. Nur muss man immer wieder auch seinen eigenen Sprit produzieren!
Mal sind Sie Künstler, mal Filmvorführer, mal sind Sie im dem Arbeitsanzug eines anderen bekannten Künstlers geschlüpft, mal sind Sie Kurator, dann wieder Architekt. Wie wichtig ist Ihnen das Wechseln von Rollen, die Sie im kreativen Prozess einnehmen? Welche Qualitäten hat es, sich in verschiedenen Disziplinen zu bewegen?
Es ist besser, sich zu bewegen als all zu lange nur zu sitzen. Manche Leute können das, manche nicht. Ich kann es ganz gut verstehen, warum zum Beispiel Nietzsche Kant auf eine ganz schöne und lustige Art und Weise immer wieder kritisiert hat, nämlich dass er immer zu lange auf seinem akademischen Arsch herumgesessen habe, statt einfach ein bisschen spazieren zu gehen und sich etwas besseres einfallen zu lassen.
Ich vollziehe doch keine tollen Spiele. Leider bin ich kein Schauspieler, sonst hätte ich das alles höchstwahrscheinlich viel einfacher. Was Disziplin angeht, bin ich einfach sehr undiszipliniert und das ist mir recht so. Was meine eigenen Sachen angeht, bin ich, glaube ich sagen zu können, zumindest doch recht diszipliniert, und das ist mir viel wichtiger, als zu lange oder zu viel über unterschiedliche Disziplinen nachzudenken. Man muss sich einfach bewegen, man muss seinen Arsch hochkriegen und dafür braucht man ein bisschen Disziplin. Das beste wäre, wenn man sich bewegen könnte wie Georgie Best es mal getan hat auf dem Fußballfeld. Sein schlauer Trainer Mat Busby pflegte ihm zu sagen ,,Georgie, gehe da raus und hab’ Spaß“. Und das tat er dann auch. Er ging raus und lebte seine ganze Ernsthaftigkeit aus, er tanzte, kämpfte und lebte - alles wird Spaß, Ernst und Magie zugleich. Und alle profitieren davon, alle Zuschauer, die ganze Menschheit (ob man Fußball mag oder nicht). Die müssen nur zuschauen, denken, staunen, und plötzlich haben sie alle ihren Arsch hochgekriegt, sie springen und tanzen vor lauter Freude, einmalige magische Freude. That’s entertainment.
Ihre jüngeren Arbeiten (Bin Building, Boothbox, Fireball, Kasse 2 etc.) erscheinen viel bunter, zeichenhafter und artifizieller als frühere Modelle. Inwieweit existiert in diesen Modellen noch die Idee des „Instrumentes“ (wie in Studio Apparatus, SA 003 oder Transportable Pavilion)? Sind sie primär „Darstellung“ einer Idee?
Die Idee des Instruments ist mit diesen neuen Arbeiten nicht mehr vorhanden, bis auf den ,,Rettungsring“, den man doch wieder als Instrument sehen kann. Dass diese neueren Arbeiten „artifizieller“ erscheinen, mag wohl stimmen. Die Arbeiten haben mit der Idee oder dem Phänomen des Schein-Ereignisses zu tun - also sie scheinen artifizieller zu sein, sind es aber doch eben nicht. Eigentlich sind sie nicht artifizieller sondern härter. Wahrscheinlich liegt der große Unterschied zu früheren Arbeiten auf der Kommentar - Ebene. Die älteren Arbeiten haben nichts Kommentarhaftes an sich.
Wenn man sich mit Weltereignissen und Geschehnissen beschäftigt, dann hat man zwangsläufig mit Jahrmärkten zu tun. Also, ich mache da eben „Kassenhäuser“. Man hat mit Haufen über Haufen vom Müll-Gedanken zu tun. Ich mache ein paar „bin buildings“. Man hat mit profit-gesteuerten, so genannten „Umweltkatastrophen“ zu tun. Ich male große Bilder mit dem Schriftzug ,,Gewinn“, etc. Ich entwerfe einen riesengroßen begehbaren ,,Rettungsring“ - als politisch aktuelles Archiv und Forschungszentrum ortsbezogen und weltweit vernetzt.
So ist die Welt, so sind die Menschen, so sind die entsprechenden aktuellen politischen Auswüchse. Und die Welt war ja eben schon immer die Welt. Wenn man die Sachen mit einer gewissen subtilen Ironie macht, dann kommt der Humor durch die Arbeiten ganz von alleine. Eben, weil ich ein sehr zwiespältiges Verhältnis zu dem Kommentatorischen habe, versuche ich, zum Teil, die Sachen auf eine Art „Aktive-Kommentar-Ebene“ zu linken.
Inwieweit funktionieren Ihre Pavillons als ein „flexibles Instrument“, das in eine Interaktion mit seiner Umwelt tritt? Was bedeutet „Inhalt“ auf den Pavillon und damit auf Architektur bezogen? Inwieweit ist er Hülle für ausgestellte Exponate, Filme etc. und inwieweit selbst das Exponat wie etwa der Barcelona-Pavillion?
Die Pavillons haben mit all dem zu tun, von dem ich oben gesprochen habe. Inhalt ist ein schwieriger Begriff. Inhalt ist im Prinzip immer vorhanden. Er muss aber ganz bewusst in einem Projekt durchgearbeitet und herausgearbeitet werden; er entsteht wahrscheinlich aus der Idee einer Haltung, und eine Haltung zu der Sache, die ausgearbeitet werden soll. Haltung muss ein ganzes Leben lang erarbeitet werden, und sie fließt natürlich in alle Arbeiten und Projekte mit hinein. Der Inhalt muss aus dem Steinbruch des Lebens herausgeholt werden. Was meine eigenen Denkansätze und Prozesse angeht, da sind Form und Inhalt gleich, gleichzeitig vorhanden und auch ebenbürtig. Keines muss vor dem anderen kommen und keiner von beiden soll zu kurz kommen. Ein gutes Beispiel wäre das „Bin Building“, es bietet dem Betrachter an, es mit seinem eigenen Inhalt zu füllen! Trennung von Gedanken sind hier nicht möglich, man schmeißt sie alle in einen Behälter. Der Entwurf des „Bin Building“ könnte verschiedene Lebensweisen und ihrer entsprechenden Funktionen beherbergen. Es könnte eine Wohnung sein, ein Büro, ein Werkstatt-Studio, ein Ladengeschäft, usw. Der Mülleimer (bin building) ist städtebaulich betrachtet immer korrekt und inkorrekt zugleich, passt überall hin, bzw. wird überall als Notwendigkeit akzeptiert, gleichzeitig passt er nirgendwo hinein und wird oftmals nicht gerne gesehen. Ein - wie ich finde - sehr interessantes städtebauliches Phänomen!
Mit dem „Rettungsring“ ist es so: Durch seine Form und Symbolhaftigkeit sagt er ganz deutlich, was er ist. Man weiß, wofür er normalerweise da ist und wofür er benutzt werden soll. Wenn es nichts zu retten gibt, dann lässt man ihn da stehen, wo man ihn vorfindet. Im Fall meines Rettungsrings kann man trotzdem aktiv werden, man kann ihn betreten, man kann sich informieren und sich mit der Idee auseinander setzen, dass es natürlich nichts zu retten gibt, und das nicht der Grund ist, warum er überhaupt da ist. Aber bis da hin bist du schon in dem Ring drin! Das ist alles doch Inhalt - oder nicht?! Anhand dieser beiden Beispiele kann man hoffentlich sehen, dass sich die Idee von Hülle total auflöst. Es gibt einfach keine Hülle, die gedanklich zu trennen wäre von dem Grundgedanken, der die Hülle initial erzeugt hat. Und das gilt für alle meine raum-bezogenen Arbeiten, es gibt einfach keine Hülle! Vielleicht ist die „Idee von Hülle“ einfach Architektursprache, ich sehe dies in sofern, als ich kein Architekt bin... oder in dem Moment nicht sein will! Dazu muss die Sache ganz klar sein, oder ?
Gibt es Tendenzen in der aktuellen Entwicklung von Architektur auf nationaler und internationaler Ebene, die Sie besonders inspirieren, kritisieren, aufregen?
Weder noch! Man könnte sich wahrscheinlich, wenn man wollte, über die ganze Banalität aufregen. Aber ich fürchte, dass man so viel Energie damit verlieren würde, die man besser woanders einsetzen könnte. Besser ist, für mich zumindest, etwas zu liefern und zu schauen, wie weit man damit kommt, ob sich vielleicht irgendetwas durchsetzen lässt. Gibt es Leute „da draußen“, die sich für einen „Rettungsring“ interessieren ? Hier meine Mail-Adresse: S Craig ∂does-not-exist.gmx de!
Sie sind Professor für Visual Arts an der Architekturfakultät der Universität Karlsruhe. Gibt es etwas, was Sie in der derzeitigen Ausbildung von Architekten in Deutschland vermissen oder kritisieren?
Oh je! Das ist wieder ein ganzes Interview für sich wert! Natürlich wird man Vieles in der Zukunft gerne anders sehen. Aber, um eher positiv anzufangen: Das ist diese gewisse solide Methode, den Studierenden etwas Ordentliches beizubringen, mit Ehrlichkeit und gewissenhaften Ansätzen, was alles hoch einzuschätzen ist. Was schließlich daraus wird, ist eine ganz andere Sache. Leider kommt Frustration in dem Moment auf, wenn bei dieser Methode einfach Aufgaben erteilt werden, die mit viel viel Mühe und Aufwand seitens der Studierenden letztlich nur erledigt werden müssen, um weiterzukommen, um dann auf die nächste Aufgabe zu warten. Die Studierenden sind meistens derart damit beschäftigt, dass sie niemals dazu kommen können, für sich selber zu denken, um vielleicht auf die Idee zu kommen, dass es auch - und vor allem - darum gehenkönnte, sich ihren eigenen Aufgaben zu stellen. Die meisten sind letztendlich zu indoktriniert mit diesem gesamten Schulausbildungs-System. Dass dieser Prozess eben durchaus fordert, dass sie nichts anderes kennen können und genau deswegen nichts anderes wollen. Und das ist genau der so genannte springende Punkt (wenn er nur noch springen würde!). Meiner Meinung nach würde alles nur nutzen, wenn die Studierenden endlich begreifen könnten, dass es vor allem darum geht, dass sie sich ihre eigene Aufgabe stellen können. Sie müssen wissen, wie man seine eigene Aufgabe zu stellen hat und eben dies wissen sie leider nicht. Alle sonstigen soliden Lehr-Ansätze nutzen leider gar nichts, wenn die Studierenden nicht auch gleichzeitig für sich selbst denken können. Wenn dies bis zum Diplom nicht geschieht, dann wird man immer mehr von diesen kleinkarierten Bauten und langweilige kompromissbeladene Architektur zu sehen bekommen, die es jetzt schon überall in Deutschland gibt!